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Wer schon an Essstäbchen
scheitert, sollte die
Finger davon lassen. Um 61 Töne auf einer chro-
matisch angeordneten Klaviatur angemessen
anschlagen zu können, sollte man vier Schlägel,
zwei Hände und einen Kopf haben.
Wer das Marimbaphon künstlerisch bearbeiten will,
auf die Klangplatten mit zwei Schlägeln in jeder
Hand nicht bloß einschlagen, sondern sie auch
spüren, sie touchieren, wie ein Wind darüber
streichen will, sollte die Stevens-Technik im Griff
haben. Jasmin Kolberg (26), Marimbasolistin aus
Stuttgart, hat sie, die Stevens-Technik, "nach
der
die Schlägel", nüchtern gesagt, "jeweils
zwischen
Daumen und Zeigefinger und zwischen Mittel- und
Ringfinger gehalten werden und dadurch unab-
hängig voneinander sind- die Schlägelstiele
berühren sich nicht, und somit kann jeder Schlägel
individuell durch die Finger in seiner Bewegung
beeinflusst werden".
Ob deutsche Eiche hohl tönt,
hölzern klingt und
immer auch ein wenig nach Heldentod? Tropen-
hölzer jedenfalls klingen besser. Irgendwie samten,
weich und warm. Palisander allein hat diesem Ton
der Unschuld; er ist nicht Ausdruck irgendeiner
Reinheit, moralisch gesprochen, im Fortissimo zeigt
sich die Unreinheit im Gewand der Unschuld.
Jasmin Kolbergs Marimba ist
aus Palisander;
2.90 Meter lang, 1.10 Meter hoch; sie umfasst fünf
Oktaven. Die messingnen Resonanzröhren unter den
Holzplatten verstärken den Klang; der Klang wiederum
hängt von der Länge der Röhre ab. Schlägel
kann man auch als Reibestöcke be-
nutzen, man kann auch durch Pusten dem Ding einen Klang
ablauschen ("in der neuen Musik
gibt es alles"). Hält man die Schlägel
mit festem Griff, entstehet ein dichter Klang, hält
man sie locker, ist der Klang weich. Die Farbe hängt
auch
ab vom Anschlagsort auf der Klangplatte.
Jasmin Kolbergs Schlägel, ob Eintonschlägel
oder Multitonschlägel, sind mit Wolle umwickelt
und haben einen Kern aus verschiedenen Material-schichten.
Was drin ist, bleibt ihr Geheimnis. Sie kann damit jede
gewünschte Wirkung erzielen.
Hört man Jasmin Kolberg
auf ihrer ersten CD,
eröffnet sich ein immenses Farbenspektrum. Man
kann diese Musik in Ruhe auf sich wirken lassen,
man kann sie auch als Hintergrund nehmen; und
wenn es eine Klangtapete ist, dann eine aus
Reispapier. Der Titel löst ein, was er verspricht:
Animato. Ein Begriff aus der Musik, bedeutet so
Auch ein Schlaginstrument
zum Singen bringen
viel wie beseelt, belebt, lebhaft. Eine Selbst-
charakterisierung?
Vier von insgesamt 15 Stücken
sind von Bach, fürs Marimbaphon eingerichtet von
Kolberg.
"Es wäre mein größter Wunsch, mit
Bach ein Glas
Wein zu trinken und mit ihm zu reden." Doch ach,
der Bach...
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Schlagzeug spielen heißt
für die Solistin auch,
"auf dem Instrument singen können, ihm eine
Stimme verleihen." Einen Triller kann man eines
Tages, aber es ist etwas ganz anderes, auf einem
Schlaginstrument "ein Legato zu imitieren",
die
einzelnen Töne miteinander zu verbinden, statt
sie
isoliert, Note für Note, in den Raum zu stellen.
Jasmin ist in Stuttgart geboren
und in Uhingen
aufgewachsen. Vater Schlagzeuger, Mutter
Geigerin bei den Stuttgarter Philharmonikern. Der
Vater fängt an Schlaginstrumente zu bauen.Mit
sieben spielt sie Geige, Klavier, Schlagzeug und
übt, nicht immer freiwillig, täglich 30 Minuten
an
jedem Instrument. "Es war meine Entscheidung,
aber manchmal musste ich auch gezwungen
werden. Heute bin ich froh ,manchmal auch ge-
zwungen worden zu sein. Mit 14 war mir klar, dass
ich Musik studieren will." Erste Preise für
Schlag-
zeug bei Jugend musiziert. 1994 nimmt sie ihr
Studium bei Klaus Treßelt in Stuttgart auf, macht
den Abschluss mit Auszeichnung und wird in
die Solistenklasse aufgenommen. Arbeitsaufent-
halte bei Leigh Howard Stevens in New York,
bei Gordon Stout (USA), Keiko Abe (JAPAN),
Michael Burritt (USA), den großen Marimba-
spielern der Welt. Im Sommer endet ihre Soloaus-
bildung bei Eric Sammut und Frederic Macarez
in Paris, im nächsten Jahr bei Professor Treßelt.
Sie hat Preise gewonnen, gibt Workshops und
Konzerte, hauptsächlich solo.
Was sie an diesem Instrument so fasziniert? "Ich
hab' mich richtig gut dahinter gefühlt, gleich
von Anfang an. Hab' mich vergessen, und mich wohlgefühlt.
Wie auch immer: Ich hab' da einfach hingehört."
"Wer sich für zu gut
hält,
macht schon den ersten Fehler"
Sie wäre keine Perfektionistin,
wenn sie nicht
selbstkritisch wäre. "In dem Moment, wo man
aufhört, streng mit sich zu sein, oder denkt, dass
man es kann, macht man schon wieder Rück-
schritte. Man muss sich immer wieder einen
Spiegel vorhalten, Leuten vorspielen, die man
schätzt, am liebsten Geiger, Pianisten, fachfremde
Leute. Wer sich für zu gut hält, macht schon
den ersten Fehler." Ein Satz, der nicht nur für
Musiker gilt.
Jürgen
Holwein
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